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Wie ist die Geschichte von Playing Arts?

Aus Playing Arts Dossier (www.netzwerk-spielundkultur.de/Netzwerk/netzwp/):

Playing Arts wurde ab Anfang der 1990er Jahre am Burckhardthaus in Gelnhausen bei

Frankfurt (bundeszentrales evangelisches Fort- und Weiterbildungsinstitut für Jugend-,

Kultur- und Sozialarbeit) durch den Künstler Christoph Riemer (von 1989-2013 dort Dozent

für ästhetische Bildung und Jugendkulturarbeit) entwickelt. In der kulturpädagogischen Praxis von Riemer gab es Ende der 1980er Jahre drei wichtige Arbeitsformen, die er dann zu Playing Arts weiterentwickelte: Spielpädagogik, Maskenbau und – spiel, die beide häufig zu im weitesten Sinne „theatralen“ Inszenierungen führten. Riemers kritische Selbstreflexion als kultureller Bildner und Künstler führten ihn zu einer Kritik dieser damals (und bis heute) verbreiteten kulturpädagogischen Arbeits- und Vermittlungsweisen.

  1. An - auch der eigenen - Spielpädagogik kritisierte er deren Routine, stets andere zu freiem Spiel und kreativem Selbstausdruck animieren zu wollen, selbst aber nichts dergleichen im eigenen Leben zu praktizieren. Daraus wurde für Playing Arts das Prinzip: Nur wer selbst spielt/sich auf´s Spiel setzt, darf auch andere dazu anstiften (nicht anleiten).
  2. In Riemers eigener Gestaltung von Masken und Maskenperformances erlangten zunehmend die ästhetischen Ansprüche der Kunst der Moderne Geltung, die einerseits radikal subjektiven Ausdruck fordern, was anderseits aber damals in seiner kulturellen Bildung dann als ultimative Geschmacksnorm vermittelt wurde. Dieser Widerspruch wurde in Playing Arts aufgelöst durch das Prinzip, in der kulturellen Bildung absolut die Entfaltung der ganz persönlichen Ausdrucksformen und -inhalte der Individuen ins Zentrum zu stellen. In diesem Zusammenhang wurde auch jegliche Psychologisierung/ Therapeutisierung ästhetisch individuellen Ausdrucks als Funktionalisierung spielerischer Freiheit und Selbstbildung abgelehnt.
  3. Die Selbstkritik Riemers an seiner theatralen Produktions- und Inszenierungspraxis in kulturpädagogischen Angeboten, führte zu Ablehnung frontal-autoritärer Vermittlung (ein „Meister“ bringt „Schülern“ ästhetische Techniken bei und sei das pädagogisch noch so trickreich verbrämt) und dem Regieprinzip (der „Meister“ setzt seine ästhetischen Vorstellungen mit den Teilnehmenden als Objekten um). Das dagegen entwickelte Playing Arts Prinzip besteht darin, dass kulturelle BildnerInnen ein ästhetisches, sozialräumlichesSetting anbieten, das die Teilnehmenden anregt und unterstützt ihre eigenen Gestaltungsweisen und -inhalte zu entwickeln und in spielerischen Prozessen bis zu (Zwischen-)Produkten voranzutreiben.

Unterschiedlichste künstlerische Arbeitsweisen und Werke aus verschiedensten Sparten dienen dabei als multiple, nicht geschmacklich hierarchisierte Impulse, um in mimetischer Anlehnung und/oder pointierter Selbsterfindung eine persönliche ästhetische Spielspur zu entwickeln. Die Einzelnen geben sich in Gruppentreffen gegenseitig Resonanz zu ihren Projekten, Prozessen und Produkten; unterstützen sich, den eigenen Ausdruck präziser zu formen und auch in gemeinsamen Gestaltungen zu kombinieren.

1994 wurde das erste Kursangebot ausgeschrieben, das sich von Beginn an als freies kreatives Spiel im Beziehungsfeld von zeitgenössischer Kunst und eigener ästhetischer Praxis bewegte (Studientagung „Spiel und Bildung“ am 21. Januar 1994 Gelnhausen unter Leitung von Christoph Riemer und Rainer Buland). Seit dem Frühjahr 1996 fanden häufig Playing Arts Veranstaltungen in Kooperation mit dem „Institut für Spielforschung“ der Universität Mozarteum Salzburg statt. Die theoretische Ausformulierung von Riemers Playing Arts Konzept wurde vom Beirat für Kulturelle Bildung des Burckhardthauses Bildung unterstützt (Mitglieder: Prof. Dr. Anna Dorothea Brockmann, Ass. Prof. Dr. Rainer Buland, Gabriele Frank, Prof. Dr. Rudolf zur Lippe, Prof. Dr. Gerhard Marcel Martin, Lothar Müller, Christel Schmid-Hofeditz, Prof. Dr. Hanne Seitz, Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker - siehe Bericht in: „Spielforschung aktuell“ Nr. 9, 1997, S.17.). 1998 wurde der Begriff "Playing Arts" geprägt. Erstmals taucht der Name in einem Bericht von Rainer Buland in „Spielforschung aktuell“ (Nr.14,1998, S.18) auf.

Ein Meilenstein in der Theorieentwicklung war das große Playing Arts Symposion (eine Kooperation des Burckhardthauses, der Arbeitsgemeinschaft Spiel in der evangelischen Jugend und des Instituts für Spielforschung der Universität Mozarteum) im Herbst 2000. In den folgenden Jahren verbreitete sich die Playing Arts-Bewegung über ganz Deutschland. Es gab Ausbildungen und sogenannte Laboratorien u.a. in Oldenburg, Stuttgart, Frankfurt, in der Pfalz und in Bayern. Seit 1997 wird jährlich beim Symposion im Oktober der Playing Arts Award verliehen.

 

Bis 2013 bot Riemer am Burckhardthaus (und an anderen Orten kultureller Bildung in Deutschland, Österreich, Dänemark und der Schweiz) jährlich regelmäßig ein vielfältiges Playing Arts Programm an. Dazu gehörten die regelmäßigen Playing Arts Mentorenausbildungen, das Symposion, eine Studientagung und das Sommeratelier. Seit etwa 2004 führte Christoph Riemer (auch vermittelt durch den thai-österreichischen Künstlerfreund SUVAT) verschiedene Playing Arts Projekte in Thailand durch (u.a. an der Silpakorn University Bangkok, Chiang Mai University und in verschiedenen Galerien).

 

Seit 2004 gib es das Das Netzwerk Spiel&Kultur. Playinh Arts e.V. Ziel des Vereins ist die Förderung von kultureller Bildung durch Spiel und andere Künste. Der Verein fördert Projekte, Maßnahmen und Bildungsprogramme der(Jugend-)Kulturarbeit im weiten Feld von Spiel, Playing Arts und anderen Künsten. Der Verein unterstützt die Theoriebildung in den Fragen von Spiel und Bildung, fördert praktische Versuche sowie die Reflexion von Theorie und Praxis. Der Verein sucht die Zusammenarbeit mit Einrichtungen und Vereinigungen kultureller Bildung. Dem Verein  geht es vor allem darum, ein personales Netzwerk aufzubauen und zu pflegen, in das Menschen ihr Engagement, ihre Praxis und ihr Interesse an schöpferischem Spiel als kultureller Bildung einbringen, im Austausch weiterentwickeln und so das Netzwerk prägen.
 

Entstanden ist das Netzwerk aus der langjährigen Ausbildungspraxis von Spiel- und Theaterpädagog_innen, die im regionalen und bundesweiten Bezug an der Ausbildung Spiel- und Theaterpädagogik der früheren Arbeitsgemeinschaft Spiel (AGS) teilnahmen. Die AGS blickt auf eine lange Tradition in der Auseinandersetzung mit Fragen von Spiel, Theater, Bildung und Spiritualität im Kontext der Evang. Kirche in Deutschland zurück.

 Diese Arbeitsgemeinschaft ist seit Ende 2004 aufgegangen in das “Netzwerk Spiel & Kultur. Playing Arts e.V.” und im Bundesverband Kulturarbeit in der evangelischen Jugend (dort insbesondere im Fachausschuss Spiel-Theater-Medien).

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