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Was bedeutet der Begriff „Spiel“ oder „Spielen“ in PLAYING Arts?

 

Um den Spielbegriff von Playing Arts zu erläutern kann man sich  auf die sechs Charakteristika beziehen, die der Spieltheoretiker Scheuerl (Das Spiel, Weinheim 1979,1. Aufl.1954) entwickelt hat.

  1. Das Moment der Freiheit.

Spiel ist frei von äußerem Zwang und Zweck. Zwecke des Alltags wie Produzieren, Leisten, Lernen, Verkaufen, usw. sind in Playing Arts ausge­setzt. Man spielt nicht „um-zu“, also „um“ mit dem Spiel etwas anderes „zu“ erreichen, als das Spiel, sein Prozess und seine Erfahrung selbst. Der Zweck besteht im Spiel, das sich von den Funktionalitäten und Funktionierzwängen des Alltags freimacht. Dass Spiel Wirkungen haben kann, auch auf den Alltag oder Nutzen auch für anderes beiläufig entfalten kann, das mag sei, aber es wird nicht mit dieser Intention auf andere Effekte zielgerichtet gespielt.  In Playing Arts  be­steht kein Zwang, weder zur (künstlerischen) Produktion (auch eine Beteiligung ohne „zeigbares“ Endprodukt wäre möglich), ebenso wie Inhalte, Techniken Arbeitsweisen und Arbeitszeiten weitestgehend offen sind. (Dass das Spiel - auch in Playing Arts - Rahmen und Regeln braucht, bezeichnet das Moment der Geschlossenheit: siehe unten). Playing Arts besteht auf Freiwilligkeit und Offenheit. Jeder und jede gestaltet das eigene Spielen und Gestalten selbst nach eige­nen Wünschen und Geschmack, im eigenen Prozess und in eigener Zeit.       

        2. Das Moment der inneren Unendlichkeit.

Hanne Seitz (1996, S. 193) beschreibt diese von Scheuerl bestimmte Charakteristik von Spiel so: "Gegenüber allem Äusseren sich abschliessend, ist es in sich unabschliessbar und zeitlos. Während die praktische Geste aus einer Vergangenheit in eine Zukunft strebt, also eine zeitli­che Richtung anstrebt, ist die ästhetische Geste im Augenblick. Sie will nicht erledigt werden, sondern Ewigkeit haben und strebt, um sich auszudehnen, unter Umständen nach ständiger Wiederholung."        

3. Das Moment der Scheinhaftigkeit.

Dadurch, dass Playing Arts Handeln als Kunst und Spiel markiert wird, verliert es den „Ernst“ und die Realitätsbezogenheit alltäglicher Handlungen. Scheuerl bestimmt das „Moment der Scheinhaftigkeit“ als ein zentrales Element von Spiel. Es geht um die Sphäre der Bilder, der Möglichkeiten, der Fantasie. Spiel befindet sich in einer Zone zwischen Schein und Realität. Es ist ein ernstes So-tun-als-ob oder ein gemeintes Nicht-so-gemeint. Das eröffnet die Möglichkeiten zum Experiment, zum Ausprobieren ungewohnter Handlungen, zum Eingehen von Risiken, zur Be- und Hinterfragung üblicher individueller und sozialer Praxen, zur momentanen Ver-Rücktheit. Das Normale, das Gewohnte, das Eingeschliffene, das Vorgeschriebene kann überschritten werden und man kann sich selbst entwerfen als jemand, den man noch nicht kennt. Im Setting des Spiel kann man über sich selbst hinaus gehen, kann in der Phantasie der Gestaltungen ein ungeahntes "Mehr" an Möglichkeiten erspielen. Aber man muss das auch nicht.

           4.  Das Moment von Ambivalenz.

Das vierte Moment wird als Ambivalenz gekennzeichnet. Spielen ist charakterisiert durch Nichtentschieden-sein. Möglichkeitshorizonte des "es könnte auch anders sein" ent­stehen. Eine gestalterische Fassung eines inneren Bildes z. B. ist nicht festgelegt, sondern ein Zwischenschritt auf der eigenen Spur, vor der aus vielfältige neue andere Schritte möglich werden. Playing Arts ermutigt, sich nicht festzulegen, sondern Ambivalenz zu erspielen und Möglichkeiten zu entdecken.

         

           5.  Das Moment der Geschlossenheit.

Ohne einen Rahmen, ohne Regeln zerfällt  Spiel. Ohne eine basale Rahmenstruktur kommt man nicht ins Spiel. Spiel schafft sich allerdings diese Regeln selbst und kann variabel mit ihnen umgehen. Trotz der „inneren Unendlichkeit“ gibt es zudem äußere Begrenzungen (Räume, Zeiten,  Materialien, usw.), die auch als Orientierung und Basis genutzt werden können, denn als absolute Grenzen anzusehen sind. Spiel bleibt zunächst bei sich, im selbstdefinierten Rahmen. Vielleicht genau weil es das tut, weil es nicht gleichzeitig immer „alles“ muss,  kann es sich innerlich wieder öffnen.

           

6. Das Moment der Gegenwärtigkeit.

Im Spiel geht es um ein "aus der Zeit heraustre­ten", um ein Genießen und Nutzen des spielerischen Augenblicks. Spielen tut man nicht „für später“, sondern Spiel erfüllt sich im Moment. Gerade weil es noch keine zukünftigen Zwecke erfüllen muss, ist es für den Moment frei.

 

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