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Wie wirkt das? Was hat man davon? Was sind  Risiken und Nebenwirkungen?

Ist die Erfahrung „vom Spiel ergriffen zu sein“ in einem Playing Arts Projekt gemacht worden, verändert sich bei den Beteiligten vieles. Die Erfahrung oft ungeahnter eigener und gemeinsamer Möglichkeiten stärkt das Selbst-Bewusstsein und das Selbstwertgefühl. Die Beteiligten trauen sich mit ihrem Eigensinn ihrem sozialen Umfeld oder der Öffentlichkeit zu präsentieren. Sie merken „wo ihr Herz schlägt“ – was sie können, bzw. lernen können, wenn sie ihrer eigenen Gestaltungsspur folgen. Sie entdecken, welche Möglichkeiten in ihnen und anderen stecken. Die Konventionen des Gewohnten und Erwarteten kommen in Bewegung, geraten ins Spiel und werden unwichtiger. Gelegentlich ändert sich bei so Spielenden die gesamte Lebenshaltung und dann verändert man auch seine Lebenssituation. Und wenn sich

im eigenen Alltag nicht immer wieder mal Spiel „ereignet“, wird man/frau „so kalt“ (wie eine Beteiligte neulich formulierte). Playing Arts Vorhaben zu verwirklichen ist zutiefst befriedigend – andere Scheinbefriedigungen werden unwichtig (wie Konsum, seichte TV-Unterhaltung, Smalltalk, etc.) An diese Stelle tritt das Spiel der eigenen Lebensbewegung und deren gesellschaftlichen Verknüpfungen. Je mehr man/frau sich für das Engagement der „eigenen Spur“ entscheidet, findet sich eine stimmige Form von Lebenstätigkeiten, die „Sinn“ nicht mehr nur in Erwerbstätigkeit und Konsum findet. Wie von selbst eignen sich Playing Artists zunehmend Kompetenzen an, wie den Umgang mit neuen Medien, mit Beschaffung von Mitteln, Präsentationsformen, Vernetzungen usw. Und diese Haltung wirkt sich auf andere positiv aus – statt Lebens als „gebremster Schaum“ wird zunehmend ein Leben voll Energie, Lust und Engagement entwickelt.

 

Eine zentrale Anforderung von Playing Arts kann Selbsttätigkeit genannt werden. Man muss selber etwas tun, oder es passiert nichts. Und da kann manchen die Angst vor der Freiheit überkommen, denn es gibt keinen Chef, keine Gebrauchsanleitung, kein Curriculum, keinen Lebensratgeber, keine technischen Anweisungen („So male ich mein Bild selbst”), kein Thema (oder fast keines), keine Vorschriften und Geschmacksvorgaben. Die Aufforderung, selber zu tun, seine eigene Entwicklung, seine kreativen Projekte und Gestaltungen selber in die Hand zu nehmen und aktiv für sich zu handeln, kann kaum umgangen werden. Schon allein diese Aufforderung zur Selbsttätigkeit Selbsttätigkeit mag für mache zu viel sein. Ein Risiko kann sein, dass man angesichts dieser ungewohnten Situation erst mal gar nichts mehr weiß oder will. Haltung von Playing Arts ist, das zu akzeptieren. Es werden ja in Impulsfeldern vielfältige Anregungen angeboten, wenn aber nichts dabei ist, auf das man anspringt, gilt es gelassen zu bleiben. Aller Erfahrung nach stellt sich bald ein – wenn auch noch so kleiner – Impuls ein.

 

Wenn man dann aber loslegt, mit Farbe und Papier, mit Leichtmetallröhren, mit alten Handtaschen, mit hundert Pappbechern, mit Gipsbinden, mit Kaffeesatz, mit alten Familienfotos (all diese Materialien und viele mehr wurden z.B.  in Playing Arts Kursen genutzt), und wenn man erste gestalterische Ideen entwickelt, dann folgt bald die nächste Anforderung, und zwar die der Selbstkonfrontation. Denn unausweichlich begegnet man sich selbst bei seinem Tun. Man bringt sich und seine inneren Bilder zum Sehen. Man verschafft dem Inneren einen äußeren Ausdruck. Man kann sich betrachten, kann sehen, was man schafft, wie man arbeitet. Dabei begegnet man seinen alten Müsterchen, seinen hoch gesetzten Ansprüchen samt zugehörigen Versagensängsten; man sieht die eigenen Manierismen und Kitschigkeiten; man ist konfrontiert mit kleinen Fluchten und großen Wagnissen, findet sich super oder versagt. Man verspannt sich und stellt fest, dass man sich verhoben hat; man plempert so vor sich hin und plötzlich spricht das Tropfbild Bedeutendes; man glaubt, alles wird nichts, und bastelt dann doch aus den Resten ein beachtliches Gebilde. Die Anforderung der Selbstkonfrontation heißt: Man erkennt sich selbst und übt das An-Erkennen des Eigenen. Aber auch diese Konfrontation und ihre Erkenntnis bestimmt und gestaltet man im Playing Arts selber; niemand, der besserwisserisch mit noch so gutem Willen hier pädagogisierend und schon gar nicht psychologisierend eingriffe.

 

Wenn man sich selbst wagt und das Eigene zum Sehen bringt, ist aber der Prozess noch nicht zu Ende. Joseph Beuys sagte: „Nicht alles, was man auskotzt, ist gut”. Es folgt deshalb die Aufforderung der Selbst-Gestaltung und deren Regel ist vielleicht, das „Selbst” in Klammer zu setzen und Gestaltung groß zu schreiben: (Selbst-)Gestaltung. Denn es geht dabei viel um die Anforderung der guten Gestalt, der Formgebung. Vom eigenen Material muss man sich distanzieren, beurteilen, klären, was man will, entscheiden, was der nächste Schritt ist. Es geht darum, die Gestalt zu präzisieren, pointieren, reduzieren, optimieren usw. Dabei konzentriert man sich auf die Form und stellt den doch so wichtigen Inhalt, die großen Gefühle und die bedeutenden Aussagen und erst Recht die Versessenheit auf die SELBSTgestaltung hintan. Wahrscheinlich liegt das Geheimnis der Selbstfindung darin, sich ganz an die Sache, hier der Gestaltung zu verlieren.

Zu experimentieren und doch zu klaren Entscheidungen zu kommen, die eigene Arbeit unter formalen Kriterien zu befragen und zu gestalten, ist gar nicht so einfach. Dabei helfen in Playing Arts Settings die anderen MitspielerInnen. Wenn man sie bittet, erhält man Resonanz und Kommentare, die man aufgreifen kann aber nicht muss. Manchmal hilft der Blick von außen klarer zu sehen und die Formen der Gestaltung zu präzisieren.

Aber die Gestaltung strebt weiter. Nur das schon Gehabte, schon Gekannte, schön Geformte wird langweilig. Man möchte von sich Neues sehen und öffnet sich so einer weiteren Anforderung: Selbstentwicklung. Dass man sich entwickeln und verändern möchte, ist klar, aber wie das geht, das ist kaum zu beantworten. Es scheint, als sei ein selbsttätiges Arbeiten, eine eigenständige Bildung, wie sie in Playing Arts versucht wird, eine gute Voraussetzung.
Die Playing Arts Aktive Hermine Haase beschrieb ihre Erfahrung der Selbstentwicklung hier so: „Alles, was ich kann, kombiniert zu etwas, was ich noch nicht konnte.”

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